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Fünfzig Tage lang feiert die Kirche Ostern. Dazu noch jeden Sonntag. An zwei Festen, Christi Himmelfahrt und Pfingsten, hat diese Osterzeit ihren Höhepunkt. Aber Himmelfahrt 40 Tage nach Ostern? Mit Raumfahrt ins All hat dieses Fest absolut nichts zu tun. Der „Raum“, in den Jesus „auffährt“, ist ein Du, eine Person, ist seine und unsere Gemeinschaft mit dem „Vater im Himmel.“ Aber warum geht er weg von seinen Jüngern, warum bleibt er nicht? Weggehen, also Abschied, ist meist etwas Trauriges. Das kann im Herzen sehr weh tun, wenn wir einen lieben Menschen loslassen müssen. Das spüren vor allem Eltern, wenn Kinder „ins Leben hinaus gehen“, wenn sie studieren, wegziehen oder heiraten. Aber hat Abschiednehmen nicht auch seine guten Seiten? Im Loslassen können neue Wege gegangen und neue Beziehungen eingegangen werden. Abschied kann zu Reifung, Wachstum und Erstarken führen. Abschied kann zu mehr Mündigkeit, Eigenständigkeit und Lebenstüchtigkeit werden. Solche Reifeschritte traut Jesus auch seinen Jüngern, aber auch uns zu. Er tut dies bei seiner letzten Erscheinung mit dem Auftrag: „Ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und bis an die Grenzen der Erde!“ Die Himmelfahrt Jesu möchte also die Jünger-Gemeinde damals und uns Christen heute mündig machen. Aber fehlt da nicht den Jüngern die direkte körperliche Nähe und persönliche Beziehung zu Jesus? Tat sich da nicht in ihnen eine innere Leere und Einsamkeit auf? Sie mussten da doch in ein tiefes Loch gefallen sein. Die Antwort gibt uns Pfingsten, das zweite Hochfest am Endpunkt der Osterzeit. Jesus versichert den Seinen: Ich muss fortgehen, damit ich in neuer Form bei euch gegenwärtig bin. Es ist der Geist Vaters, mein Geist. Er kann in euer Inneres strömen und eure Leere füllen. Gewiss ein schwieriger Weg, damals für die Jünger und heute für uns. Dennoch, die Jünger haben sich auf diesen Weg eingelassen. Denn es heißt: Sie kehrten in großer Freude nach Jerusalem zurück. Ob auch wir uns darauf einlassen? Halten wir nicht zu sehr am Vertrauten fest und an der Angst, Wichtiges könne uns genommen werden? Gehen und Abschiednehmen, damit neues Wachstum möglich wird. Denn mit seiner Himmelfahrt gehört Jesus nicht mehr nur dem kleinen Kreis der Jünger. Er gehört von jetzt an der ganzen Welt. Hier und heute möchte er in jedem von uns mit seinem Geist lebendig werden. Hier und heute möchte er uns zu seinen Jüngern und Zeugen machen.

 

Pfr. R. Distler